Lektoratsnotiz · Fehlerakte

Alles wird Asche

Chronologie, Logikfehler, Kontinuitätsprobleme, erzählerische Fairness und technische Plausibilitätsfragen. Die Seitenangaben beziehen sich auf die vorliegende Lektorats-Fassung.

Gegenwartsjahr: 2020 Patrick Brinkhoff: † 26.05.2017 36 Prüfpunkte

Zeitleiste

Gegenwartsjahr: 2020 ist praktisch eindeutig. Der Roman nennt Donnerstag, 21. Mai, als Christi Himmelfahrt; Patrick starb am 26. Mai 2017, und Geraldine ist von 25 bei seinem Tod auf 28 in der Gegenwart gealtert.
1994
Patricks erste Everest-Expedition. Davids Vater, Onkel und älterer Bruder sterben; nach einer späteren Aussage ist David damals sechs Jahre alt.
ca. 1994–1996
Patrick und Veronika nehmen David nach dem Unglück in ihre Familie auf. Diese Version würde ihn 2020 auf ungefähr 31/32 Jahre bringen.
ca. 2006
Geraldines Rückblende: Sie ist 14, als ihre Eltern den achtjährigen David adoptieren. Diese Version macht David 2020 nur etwa 21/22.
26.05.2017
Patrick Brinkhoff stirbt am Everest. Pemba stößt ihn, Toni Bischof stirbt beim Rettungsversuch. Pembas eigener Tod wird nur vorgetäuscht.
2017–2018
Pemba taucht mit falscher Identität in Deutschland unter.
ca. März 2020
Alice Bennewitz-Brinkhoff stirbt nach allergischer Reaktion und Brand.
ca. 08.05.2020
Ralf Kirchhoff wird zuletzt gesehen; sein Tod liegt später ungefähr 14 Tage vor Wiesheus Tod.
21.05.2020
Christi Himmelfahrt. Axel Wiesheu wird getötet.
07.06.2020
Roland Braun wird getötet; spätere Eingrenzung der Todeszeit etwa 11–13 Uhr.
ca. 10.06.2020
Pemba Tshiri alias Tenzing wird in der Tiefkühlzelle getötet.
Mitte Juni 2020
Zamoranis-Anschlag, Konfrontation mit Gratzfeld, Geiselnahme und Flugzeugfinale.

Fehlerübersicht

Die Übersicht ist bewusst einspaltig. Ein Klick führt direkt zum ausführlichen Eintrag.

5/5: klarer Widerspruch / harter Fehler 4/5: starke Unplausibilität / Beweisproblem 3/5: auffällig / erklärbar 2/5: Glaubwürdigkeitsbelastung / kleinere Unschärfe
1.David Mingmas Alter: zwei unvereinbare Biografien5/5S. 160 ↔ S. 407–408 ↔ S. 464–465 2.Davids Karriere und seine Rolle als „großer Bruder“ passen nicht zur jungen Altersversion5/5S. 340, S. 464–466, S. 623 3.Adoption: sechs Jahre, acht Jahre und Geraldines Alter passen nicht zusammen5/5S. 160, S. 407–408, S. 465 4.Widersprüchliche Versionen der Bergung von Patricks Leiche5/5S. 389–392 ↔ S. 467 ↔ S. 525–529 5.Melchiors angebliche Entlastung im Mord an Roland Braun ist logisch ungültig5/5S. 443, S. 457–458 6.Mehrere Familienmitglieder sehen das Everest-Rohmaterial, entdecken den Mord aber nicht5/5S. 408, S. 517–518, S. 534–535 7.Auch die Ermittler haben das Filmmaterial bereits gesehen, bevor die Schlüsselszene entdeckt wird5/5S. 463 ↔ S. 517–518 8.Die Drohne filmt zufällig exakt die entscheidenden Sekunden des Mordes4/5S. 517–518, S. 535 9.Blanka hat das Filmmaterial gesehen – oder wollte es ausdrücklich nicht sehen3/5S. 466 ↔ S. 534–535 10.Der Badezimmer-EpiPen fehlt zunächst und liegt später wieder genau dort4/5S. 17–18 ↔ S. 143 ↔ S. 582 11.Der zweite EpiPen aus der Küche verschwindet aus der späteren Rekonstruktion4/5S. 17–18 ↔ S. 582 12.Blankas Innenperspektive zum EpiPen verschweigt ihr eigenes Täterwissen4/5S. 472 ↔ S. 582 13.Blankas innere Reaktion auf Wiesheus Tod wirkt wie echte Überraschung4/5S. 110 14.Dieselbe Flugstunde findet gleichzeitig morgens und nachmittags statt5/5S. 32 15.Dritte oder vierte Platzrunde in derselben Szene4–5/5S. 32 16.„Seit elf nie wieder geklettert“ – obwohl Blanka kurz zuvor geklettert ist3/5S. 43–45 ↔ S. 473 17.Pembas vollständige falsche Identität in Deutschland bleibt untererklärt4/5S. 482, S. 506, S. 526–527 18.Pemba versteckt sich ausgerechnet im Rhein-Main-Gebiet3/5S. 482, S. 526–527 19.PROMETHEUS kann praktisch jede digitale Realität erzeugen4/5S. 551–552 20.Trotzdem werden iPhone-Metadaten als besonders belastbarer Beweis behandelt4/5S. 457–458 ↔ S. 551–552 21.Eine alte erste Codezeile funktioniert wie ein Generalschlüssel4/5S. 535–536, S. 557 ff. 22.PROMETHEUS dient als Universalbegründung für die Mordplanung4/5S. 551–552, S. 623, S. 637 23.„50 kg können 80 kg bewegen“ erklärt die Aufhängemorde nur teilweise4/5S. 637 24.Sehr körperliche und technisch aufwendige Taten hinterlassen überraschend wenig Forensik4/5Schwerpunkt S. 637–638; zusätzlich die jeweiligen Tatortpassagen 25.Öffentliches FIVE-Marketingmaterial ersetzt beinahe eine Tatortbesichtigung3/5S. 510 26.Alices Mord hängt an einer äußerst fragilen Kette von Voraussetzungen4/5S. 16–18, S. 582 27.Blankas Fallschirmsprung aus der Cirrus gelingt trotz ausdrücklich benannter Gefahren4/5S. 615–616, S. 630 28.Blankas Kompetenzprofil wächst auffällig genau mit den Anforderungen des Plots3/5S. 43–45, S. 465–473, S. 611–616, S. 637 29.Eine „optimierende“ KI plant ausgerechnet eine auffällige Serienmörder-Signatur4/5S. 623, S. 637 30.Das ursprüngliche Komplott gegen Patrick ist wirtschaftlich überraschend naiv3/5S. 400, S. 542–543 31.Ralfs Leiche fällt genau zum maximal publikumswirksamen Zeitpunkt aus dem Baum3/5S. 186, S. 273 32.Pembas Rolle am Everest wird sprachlich nicht immer sauber getrennt2–3/5S. 390–391, S. 466–467, S. 525–527 33.2017: Kameradrohne auf über 8.000 Metern mit verwertbarem TV-Bild4/5S. 517–518, S. 535 34.Die angeblich perfekt geplante Flucht ignoriert das CAPS-Rettungsfallschirmsystem der Cirrus2/5S. 607, S. 611, S. 617–618 35.Blanka fliegt nach 17 Flugstunden eine deutlich komplexere Cirrus allein2/5S. 34 ↔ S. 607, S. 611–616 36.Pembas fingierter Tod verlangt einen extrem unwahrscheinlichen Abstieg vom Everest2/5S. 391–392; spätere Auflösung u. a. S. 526–527

Ausführliche Fehlerliste

Lesart: Nicht jeder Punkt ist ein „Fehler“ im engen Sinn. Bei 2/5 und teilweise 3/5 geht es bewusst um Stellen, die technisch oder dramaturgisch möglich sind, aber die Glaubwürdigkeit sichtbar belasten.
↑ Übersicht

1. David Mingmas Alter: zwei unvereinbare Biografien 5/5

S. 160 ↔ S. 407–408 ↔ S. 464–465

Befund: Für David existieren im Roman zwei Altersbiografien, die sich nicht miteinander verrechnen lassen. In Wronkas Darstellung sterben Davids Vater und sein älterer Bruder während Patricks erster Everest-Expedition 1994; David ist zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt. Damit läge sein Geburtsjahr ungefähr 1988 und er wäre in der Gegenwart 2020 etwa 31 oder 32 Jahre alt.

Geraldines Erinnerung zeichnet dagegen eine ganz andere Chronologie: Sie ist vierzehn, als ihre Eltern einen achtjährigen Jungen adoptieren. Geraldine ist in der Gegenwart 28, die Adoption müsste also ungefähr 2006 stattgefunden haben. David wäre damit ungefähr Jahrgang 1998 und 2020 erst 21 oder 22.

Warum kritisch: Die Differenz beträgt rund zehn Jahre. Sie lässt sich weder durch Rundung noch durch eine ungenaue Altersangabe erklären, weil beide Versionen an konkrete Lebensereignisse geknüpft sind.

Lektoratsurteil: Einer der klarsten Kontinuitätsfehler des Romans. Die spätere Figurenzeichnung spricht deutlich eher für die ältere Version.

↑ Übersicht

2. Davids Karriere und seine Rolle als „großer Bruder“ passen nicht zur jungen Altersversion 5/5

S. 340, S. 464–466, S. 623

Befund: David wird als studierter Projektmanager, Projektleiter einer Stiftung, qualifizierter Bergführer, erfahrener Höhenbergsteiger und Eiskletterer beschrieben. Er begleitet Patrick außerdem seit seinem sechzehnten Lebensjahr auf Expeditionen. Pia schätzt ihn folgerichtig auf Mitte bis Ende zwanzig.

Zusätzlich ist David für die 24-jährige Blanka der „große Bruder, den sie nie gehabt hat“. Nach Geraldines Altersrechnung wäre David in der Gegenwart allerdings nur etwa 21/22 und damit sogar jünger als Blanka.

Warum kritisch: Mit Anfang zwanzig müsste David in extrem kurzer Zeit Studium, internationale Bergerfahrung, Bergführerqualifikationen, mehrere Expeditionen und eine verantwortliche Projektleiterposition absolviert haben. Unmöglich ist das nicht in jedem Einzelpunkt, in der Summe wirkt es aber massiv komprimiert.

Lektoratsurteil: Die Figur ist erkennbar als Mann um die 30 konzipiert; die jüngere Altersangabe wirkt wie ein nicht bereinigter früherer Entwurfsstand.

↑ Übersicht

3. Adoption: sechs Jahre, acht Jahre und Geraldines Alter passen nicht zusammen 5/5

S. 160, S. 407–408, S. 465

Befund: Nach Wronka ist David sechs, als sein Vater und Bruder bei Patricks erster Everest-Expedition sterben. Patrick adoptiert ihn „daraufhin“. An anderer Stelle ist David bei der Adoption acht.

Allein diese zwei Jahre wären noch erklärbar: Eine Adoption kann organisatorisch später abgeschlossen worden sein. Das eigentliche Problem ist Geraldines Alter. Wenn das Unglück 1994 stattfindet und die Adoption ungefähr 1996, wäre Geraldine damals etwa vier Jahre alt gewesen – nicht vierzehn.

Warum kritisch: Hier kollidieren nicht nur zwei Altersangaben, sondern zwei komplette Familienchronologien.

Lektoratsurteil: Klarer Timeline-Fehler; sollte im Manuskript zwingend vereinheitlicht werden.

↑ Übersicht

4. Widersprüchliche Versionen der Bergung von Patricks Leiche 5/5

S. 389–392 ↔ S. 467 ↔ S. 525–529

Befund: Die ausführliche Unfallchronologie schildert, dass Jan-Erik Ripphahn nach dem Rettungsversuch völlig erschöpft in Camp 4 ankommt, unter Schock steht und halb bewusstlos im Zelt liegt. In der Nacht machen sich David, zwei Schweizer Bergsteiger und deren Sherpas erneut auf den Weg zu Patrick.

David sagt später jedoch ausdrücklich, „Jan-Erik und ich“ hätten versucht, den Leichnam seines Vaters zu bergen. Ripphahn wiederum erinnert sich daran, wie „David und ich“ zurück ins Basislager kamen und Alice bereits abgereist war.

Warum kritisch: Die erste Version zählt die Mitglieder der Bergungsgruppe detailliert auf und lässt Ripphahn ausdrücklich im Zelt zurück. Die spätere Version setzt ihn dagegen bei der Bergung voraus.

Mögliche Rettung: Man könnte theoretisch annehmen, Ripphahn habe sich unerwartet erholt und sei später nachgestiegen. Der Roman sagt das aber nicht – und seine zuvor beschriebene körperliche Verfassung spricht deutlich dagegen.

Lektoratsurteil: Harter Kontinuitätsfehler.

↑ Übersicht

5. Melchiors angebliche Entlastung im Mord an Roland Braun ist logisch ungültig 5/5

S. 443, S. 457–458

Befund: Brauns Todeszeit wird auf ungefähr 11 bis 13 Uhr eingegrenzt. Melchior befindet sich an diesem Sonntag in seinem Jagdrevier bei Bad Schwalbach, ohne Zeugen, nur wenige Kilometer von Brauns Haus entfernt.

Später findet man auf seinem iPhone ein Foto von Brauns Haustür, aufgenommen ungefähr um 15 Uhr. Aus diesem Zeitstempel wird abgeleitet, dass Melchior Braun nicht ermordet haben könne.

Warum kritisch: Das Foto beweist ausschließlich, dass Melchior gegen 15 Uhr bei Braun war. Es beweist nicht, wo er zwischen 11 und 13 Uhr war. Er hätte den Mord theoretisch begehen, wegfahren und später zurückkehren können.

Lektoratsurteil: Kein bloßes Ermittlungspech, sondern ein formaler Schlussfehler in der Beweislogik. Für einen Kriminalroman besonders auffällig.

↑ Übersicht

6. Mehrere Familienmitglieder sehen das Everest-Rohmaterial, entdecken den Mord aber nicht 5/5

S. 408, S. 517–518, S. 534–535

Befund: Wronka übergibt Ulrike das nicht verwendete Rohmaterial. Später erfahren wir, dass Veronika und Geraldine es angesehen haben; wahrscheinlich auch Isabelle und Arwed. Ulrike sagt außerdem, Blanka habe es sehen wollen.

In der entscheidenden Sequenz sind vier Personen am Gipfel zu erkennen. Nach dem Anhalten und Vergrößern sieht das Polizeiteam, dass die blau gekleidete Person der roten Person einen Stoß versetzt.

Warum kritisch: Es ist durchaus möglich, dass ein einzelner Zuschauer eine kurze Szene in stundenlangem Rohmaterial übersieht. Je mehr Menschen das Material jedoch ansehen, desto unwahrscheinlicher wird es – vor allem, weil gerade die Familie jeden sichtbaren Moment von Patricks letzter Expedition mit besonderer Aufmerksamkeit betrachten dürfte.

Lektoratsurteil: Keine mathematische Unmöglichkeit, aber als zentrale Auflösung extrem plotabhängig. Wegen der Zahl der Vorbetrachter sehr schwer glaubhaft zu machen.

↑ Übersicht

7. Auch die Ermittler haben das Filmmaterial bereits gesehen, bevor die Schlüsselszene entdeckt wird 5/5

S. 463 ↔ S. 517–518

Befund: Noch vor der späteren Schlüsselszene heißt es ausdrücklich, inzwischen habe jeder im Ermittlerteam Wronkas Filmmaterial gesehen. Dennoch bleibt der Mordanschlag unentdeckt, bis eine Polizeistudentin beim gemeinsamen Anschauen plötzlich stoppt.

Warum kritisch: Der wichtigste Beweis des gesamten Falls liegt damit bereits bei der Polizei. Die Auflösung hängt nicht daran, dass neue Beweise auftauchen, sondern daran, dass ein bereits mehrfach gesehenes Bild plötzlich „sichtbar“ wird.

Mögliche Erklärung: Rohmaterial kann lang, unsortiert und unübersichtlich sein. Allerdings wird die Sequenz nach dem Hinweis ohne aufwendige Bildforensik erkannt.

Lektoratsurteil: Deutliche dramaturgische Konstruktion. Der Roman braucht, dass der Beweis erst im richtigen Kapitel erkannt wird.

↑ Übersicht

8. Die Drohne filmt zufällig exakt die entscheidenden Sekunden des Mordes 4/5

S. 517–518, S. 535

Befund: Marie Wronka lässt entgegen der chinesischen Genehmigungslage eine Drohne aufsteigen. Ausgerechnet dieser nicht genehmigte Flug erfasst die wenigen Sekunden, in denen Pemba Patrick stößt.

Warum kritisch: Der gesamte Mordplan scheitert nicht an einem Fehler der Täter, sondern an einem extrem glücklichen dokumentarischen Zufall: richtige Flughöhe, richtiger Blickwinkel, richtiger Zeitpunkt und ausreichende Bildqualität.

Einordnung: Zufälle sind in Krimis erlaubt. Hier liefert der Zufall jedoch den entscheidenden Beweis für das drei Jahre alte Grundverbrechen und löst damit praktisch den Kern des gesamten Romans.

Lektoratsurteil: Starke Plot-Convenience, aber kein formaler Widerspruch.

↑ Übersicht

9. Blanka hat das Filmmaterial gesehen – oder wollte es ausdrücklich nicht sehen 3/5

S. 466 ↔ S. 534–535

Befund: David sagt der Polizei, Blanka und er hätten das unveröffentlichte Material nicht sehen wollen. Ulrike erzählt später das Gegenteil: David habe es nicht sehen wollen, Blanka hingegen schon.

Warum auffällig: Der Widerspruch ist relevant, weil Blanka damit Zugang zu genau dem Material gehabt hätte, das Pembas Tat zeigt und später die Ermittlungen wendet.

Mögliche Erklärung: Blanka kann hier bewusst gelogen haben. Dann wäre die Stelle kein Autorenfehler, sondern ein sinnvoller Hinweis auf ihre Täuschung.

Lektoratsurteil: Nicht als harter Fehler werten. Im Lektorat markieren, weil der Widerspruch kriminalistisch stärker ausgewertet werden könnte.

↑ Übersicht

10. Der Badezimmer-EpiPen fehlt zunächst und liegt später wieder genau dort 4/5

S. 17–18 ↔ S. 143 ↔ S. 582

Befund: Alice sucht während der allergischen Reaktion verzweifelt im Badezimmer nach ihrem EpiPen, leert Schubladen aus und findet ihn nicht. Bei der späteren Tatortaufnahme wird ein EpiPen genau an seinem üblichen Platz im Badezimmer dokumentiert.

Erst sehr spät erkennt Julian die Bedeutung dieses Details. Die nachträgliche Erklärung lautet: Blanka habe den Pen zuvor entfernt und nach Alices Tod wieder in die Schublade gelegt.

Warum kritisch: Damit ist die Stelle rückwirkend erklärbar, aber die frühe Ermittlungsarbeit wirkt erstaunlich sorglos. Ein völlig verwüstetes Badezimmer plus ein später ordentlich am üblichen Platz liegender lebenswichtiger Notfallinjektor hätte eine auffällige Diskrepanz sein müssen.

Lektoratsurteil: Kein ungelöstes Plotloch, sondern ein absichtlich gelegter Hinweis, der von den Ermittlern ungewöhnlich lange übersehen wird.

↑ Übersicht

11. Der zweite EpiPen aus der Küche verschwindet aus der späteren Rekonstruktion 4/5

S. 17–18 ↔ S. 582

Befund: Alice weiß, dass zwei Notfallinjektoren vorhanden sind: einer im Badezimmer, einer unten in der Küche. Die spätere Auflösung erklärt ausführlich den manipulierten Badezimmer-Pen, nicht jedoch überzeugend, was mit dem zweiten Injektor geschehen ist.

Warum kritisch: Für einen geplanten Mord durch provozierte Anaphylaxie reicht es nicht, nur einen der beiden bekannten Rettungswege auszuschalten. Der zweite Pen ist ein erheblicher Unsicherheitsfaktor.

Lektoratsurteil: Echte logistische Lücke in der Mordplanung, sofern der zweite Pen nicht an anderer Stelle des Manuskripts ausdrücklich neutralisiert wird.

↑ Übersicht

12. Blankas Innenperspektive zum EpiPen verschweigt ihr eigenes Täterwissen 4/5

S. 472 ↔ S. 582

Befund: Blanka äußert beim Gespräch mit Pia, es sei ihr ein Rätsel, warum Alice den EpiPen nicht griffbereit gehabt habe. Für eine Lüge gegenüber der Polizei wäre das vollkommen plausibel.

Problematisch wird es durch die personal nahe Erzählweise: Der Text präsentiert Blankas Reaktion emotional und ohne Hinweis darauf, dass sie bewusst eine Rolle spielt, obwohl sie später als die Person gilt, die den Pen manipuliert hat.

Warum kritisch: Ein Krimi darf Informationen zurückhalten, aber eine personale Innenperspektive sollte nicht Gedanken vortäuschen, die mit dem Wissen der Figur unvereinbar sind. Sonst entsteht keine faire Täuschung, sondern eine künstlich erzeugte falsche Innenwelt.

Lektoratsurteil: Erzähltechnisch problematisch; eher Fairnessfehler als Logikfehler der Handlung.

↑ Übersicht

13. Blankas innere Reaktion auf Wiesheus Tod wirkt wie echte Überraschung 4/5

S. 110

Befund: Als Blanka Wiesheus Tod über den Newsticker wahrnimmt, wird ihre Reaktion so erzählt, als treffe sie eine neue Nachricht: flaues Gefühl, Gedanken an Geraldine und der Impuls, ihre Schwester zu kontaktieren.

Warum kritisch: Wenn Blanka an der Tat beteiligt war, ist Wiesheus Tod für sie keine neue Information. Eine nach außen gespielte Überraschung wäre schlüssig, eine innere Überraschung dagegen nicht.

Mögliche Erklärung: Man könnte psychische Abspaltung oder Selbsttäuschung annehmen. Der Roman etabliert diesen Mechanismus an dieser Stelle jedoch nicht.

Lektoratsurteil: Starker Fairnessvorbehalt gegen die Täterperspektive.

↑ Übersicht

14. Dieselbe Flugstunde findet gleichzeitig morgens und nachmittags statt 5/5

S. 32

Befund: Innerhalb weniger Zeilen wird Blankas Platzrunde als „vierte Platzrunde an diesem Nachmittag“ bezeichnet. Direkt danach rollt sie „das dritte Mal an diesem Morgen“ zur Startbahn. Wenig später heißt es erneut, es sei „so früh an einem Samstagmorgen“.

Warum kritisch: Es gibt keinen Zeitsprung und keinen Perspektivwechsel. Alle drei Angaben beschreiben dieselbe Flugstunde.

Lektoratsurteil: Eindeutiger redaktioneller Fassungsfehler – vermutlich blieb „Nachmittag“ aus einer älteren Version der Szene stehen.

↑ Übersicht

15. Dritte oder vierte Platzrunde in derselben Szene 4–5/5

S. 32

Befund: Die Szene nennt eine „vierte Platzrunde“, beschreibt unmittelbar danach aber erst das dritte Rollen bzw. Starten an diesem Morgen.

Warum kritisch: Theoretisch könnten Platzrunde und tatsächlicher Start unterschiedlich gezählt worden sein, etwa nach einem abgebrochenen Durchgang. Der Text bietet dafür jedoch keinerlei Hinweis.

Lektoratsurteil: Sehr wahrscheinlich Teil desselben Redaktionsfehlers wie Morgen/Nachmittag. Für die Endfassung sollte die Zählung vereinheitlicht werden.

↑ Übersicht

16. „Seit elf nie wieder geklettert“ – obwohl Blanka kurz zuvor geklettert ist 3/5

S. 43–45 ↔ S. 473

Befund: Der Roman zeigt ausführlich, wie Blanka mit Gratzfeld nach Vorarlberg fliegt, zur Sulzfluh aufsteigt und den ganzen Vormittag klettert. Sie erlebt dabei sogar, dass das Klettern mit ihm wieder möglich ist.

Später sagt sie der Polizei, sie sei seit dem Unfall mit elf „nie mehr geklettert oder auf einen Berg gestiegen“.

Warum auffällig: Wörtlich ist die Aussage falsch.

Mögliche Erklärung: Hier ist eine bewusste Lüge sehr plausibel. Blanka versucht, ihre praktische Kletterfähigkeit herunterzuspielen, während die Ermittler gerade nach jemandem mit Seil- und Kletterkenntnissen suchen.

Lektoratsurteil: Nicht als Autorenfehler führen, sondern als bewusstes Täuschungsmanöver mit Hinweischarakter.

↑ Übersicht

17. Pembas vollständige falsche Identität in Deutschland bleibt untererklärt 4/5

S. 482, S. 506, S. 526–527

Befund: Pemba gilt international als am Everest verschollen bzw. tot. Später lebt er mit falscher tibetischer Identität in Deutschland, arbeitet regulär in einem Restaurant und verfügt über Papiere, die den Alltag offenbar über längere Zeit tragen.

Warum kritisch: Eine solche Legende benötigt mehr als einen gefälschten Ausweis: Aufenthaltsstatus, Meldeadresse, Arbeitserlaubnis, Steuer- und Sozialversicherungsdaten, Bankverbindung, gegebenenfalls Krankenversicherung und Arbeitgeberunterlagen müssen zusammenpassen.

Der Roman erkennt dieses Problem sogar selbst; die Ermittler fragen ausdrücklich, wie Wiesheu das geschafft habe, und die Analyse der Papiere läuft. Eine konkrete Rekonstruktion bleibt aber weitgehend aus.

Lektoratsurteil: Kein unmögliches Szenario, aber für eine so zentrale Tarnidentität deutlich zu wenig erklärt.

↑ Übersicht

18. Pemba versteckt sich ausgerechnet im Rhein-Main-Gebiet 3/5

S. 482, S. 526–527

Befund: Pemba muss nach seinem fingierten Tod vermeiden, von Menschen aus Patricks Umfeld erkannt zu werden. Trotzdem lebt und arbeitet er ausgerechnet in jener Region, in der ein großer Teil dieses Umfelds ansässig ist.

Gratzfeld spricht die Schwäche dieser Konstruktion sogar selbst an: Pemba habe jederzeit jemandem von ihnen begegnen können.

Mögliche Erklärung: Die Geschichte deutet an, dass Wiesheu Pemba bewusst in seiner Nähe behalten wollte, um ihn kontrollieren zu können.

Lektoratsurteil: Erklärbar, aber für Pemba selbst ein unnötig hohes Entdeckungsrisiko.

↑ Übersicht

19. PROMETHEUS kann praktisch jede digitale Realität erzeugen 4/5

S. 551–552

Befund: Im Roman wird beschrieben, Spezialisten könnten Zeitstempel, GPS-Daten und Mobilfunkspuren verändern, Stimmen und Videos manipulieren und komplette digitale Anwesenheiten erzeugen. PROMETHEUS wird in diesem Zusammenhang als System gedacht, das noch weiter gehen könnte.

Warum kritisch: Sobald ein System beliebig glaubwürdige digitale Spuren erzeugen kann, verlieren sämtliche digitalen Beweise ihre feste Bedeutung. Jede Kamera, jedes Mobiltelefon und jedes Bewegungsprofil kann dann nach Bedarf echt oder gefälscht sein.

Lektoratsurteil: Die technische Überhöhung beschädigt die Beweislogik des Krimis, weil sie einen universellen Ausweg für fast jedes Alibi eröffnet.

↑ Übersicht

20. Trotzdem werden iPhone-Metadaten als besonders belastbarer Beweis behandelt 4/5

S. 457–458 ↔ S. 551–552

Befund: Bei Melchiors Foto wird detailliert mit Metadaten, GPS, Zeitstempel und fehlenden Bearbeitungsspuren argumentiert. Diese digitale Spur wird fast wie ein objektiver Beweis behandelt.

Nur wenig später erklärt der Roman, dass genau solche Daten von hoch spezialisierten Akteuren und möglicherweise PROMETHEUS erzeugt oder manipuliert werden könnten.

Warum kritisch: Beides kann innerhalb derselben Welt wahr sein – dann müsste die Polizei aber konsequent skeptischer mit digitalen Belegen umgehen. Stattdessen wechselt der epistemische Standard je nach Szene.

Lektoratsurteil: Inkonsistente Beweisgewichtung.

↑ Übersicht

21. Eine alte erste Codezeile funktioniert wie ein Generalschlüssel 4/5

S. 535–536, S. 557 ff.

Befund: Eine symbolisch aufgeladene, sehr alte Codezeile aus den Ursprüngen von PROMETHEUS wird später zum Schlüssel für zentrale Sperren bzw. Kontrollmechanismen.

Warum kritisch: Ein System, das über viele Jahre von Teams weiterentwickelt und gegen staatliche und industrielle Angriffe geschützt wurde, würde normalerweise nicht an einer einzigen historischen Zeichenfolge hängen, die auf einem Zettel notiert werden kann.

Lektoratsurteil: Als Thriller-Motiv elegant und merkfähig, als Software- und Sicherheitsarchitektur stark vereinfacht.

↑ Übersicht

22. PROMETHEUS dient als Universalbegründung für die Mordplanung 4/5

S. 551–552, S. 623, S. 637

Befund: Gegen Ende erklärt die Geschichte fast jede bislang offene Planungsfrage mit PROMETHEUS: Aufenthaltswahrscheinlichkeiten, günstige Tatzeitpunkte, Risiken, Szenarien, technische Abläufe und mögliche Reaktionen der Opfer.

Warum kritisch: Die KI wird dadurch weniger zu einem konkreten Werkzeug mit Grenzen als zu einem universellen Erklärungsmechanismus. Was menschlich zu schwierig erscheint, hat „die KI berechnet“.

Lektoratsurteil: Dramaturgischer Deus ex machina. Glaubwürdiger wäre eine klarere Begrenzung dessen, welche Daten PROMETHEUS tatsächlich hatte und welche Teile des Plans weiterhin menschliche Improvisation waren.

↑ Übersicht

23. „50 kg können 80 kg bewegen“ erklärt die Aufhängemorde nur teilweise 4/5

S. 637

Befund: Im Finale wird die physische Machbarkeit damit verteidigt, dass eine 50-Kilo-Person mit der richtigen Ausrüstung auch 80 Kilo bewegen könne; außerdem seien die Täterinnen zu zweit gewesen.

Warum kritisch: Ein Flaschenzug kann tatsächlich große Lasten bewegen. Das beantwortet aber nur die Hebefrage. Ein erwachsener Mann muss zunächst überrascht oder überwältigt, kontrolliert, gefesselt, transportiert und an die vorbereitete Position gebracht werden.

Lektoratsurteil: Die technische Erklärung löst einen Teil des Problems, wird im Roman aber als Antwort auf das gesamte physische Tatgeschehen verwendet.

↑ Übersicht

24. Sehr körperliche und technisch aufwendige Taten hinterlassen überraschend wenig Forensik 4/5

Schwerpunkt S. 637–638; zusätzlich die jeweiligen Tatortpassagen

Befund: Mehrere Morde setzen engen Körperkontakt, Fahrzeuge, Seile, technische Hilfsmittel, Kletterausrüstung und umfangreiche Manipulation am Tatort voraus. Gleichzeitig gelingt es den Täterinnen lange, kaum direkt verwertbare Spuren zu hinterlassen.

Warum kritisch: Je mehr Schritte ein Tatablauf enthält, desto größer wird normalerweise die Chance auf Fasern, Haare, Hautzellen, Schuhspuren, Werkzeugspuren, digitale Bewegungsdaten, Kameraaufnahmen oder Zeugen.

Mögliche Erklärung: PROMETHEUS kann bei Planung und Timing helfen. Physische Spuren verschwinden dadurch jedoch nicht automatisch.

Lektoratsurteil: Plausibilitätsproblem der gesamten Mordserie, kein einzelner Widerspruch.

↑ Übersicht

25. Öffentliches FIVE-Marketingmaterial ersetzt beinahe eine Tatortbesichtigung 3/5

S. 510

Befund: Der Täter kann sich über Website, Visualisierungen, Pläne und animierte Drohnenflüge sehr detailliert über das FIVE-Projekt informieren und daraus einen komplexen Tatplan ableiten.

Warum auffällig: Marketingmaterial zeigt Grundrisse und räumliche Konzepte, aber nicht zwingend den tagesaktuellen Bauzustand, temporäre Absperrungen, Zugänge, Gerüste, Materiallager, funktionierende Aufzüge oder geeignete reale Anschlagpunkte.

Lektoratsurteil: Zur Vorbereitung plausibel, als beinahe vollständiger Ersatz für Ortskenntnis etwas zu bequem.

↑ Übersicht

26. Alices Mord hängt an einer äußerst fragilen Kette von Voraussetzungen 4/5

S. 16–18, S. 582

Befund: Für Alices Tod müssen Allergen, Zeitpunkt, fehlende Hilfe, Brandentwicklung, versperrte bzw. ungeeignete Fluchtmöglichkeiten und vor allem beide EpiPen-Optionen genau so zusammenwirken, dass sie keine Rettung mehr erreicht.

Warum kritisch: Ein Plan kann einzelne Wahrscheinlichkeiten optimieren, aber hier reichen kleine Abweichungen: Alice findet den zweiten Pen, ruft früher Hilfe, verlässt das Haus anders, jemand kommt unerwartet vorbei oder der Brand entwickelt sich anders.

Lektoratsurteil: Nicht unmöglich, aber für eine angeblich hochpräzise Planung erstaunlich abhängig von menschlichem Verhalten und Zufall.

↑ Übersicht

27. Blankas Fallschirmsprung aus der Cirrus gelingt trotz ausdrücklich benannter Gefahren 4/5

S. 615–616, S. 630

Befund: Der Roman benennt die Risiken selbst: Die Cirrus ist nicht für Fallschirmsprünge konstruiert, die Tür lässt sich im Flug nur mit großer Mühe öffnen und Blanka entgeht nur knapp dem Höhenleitwerk. Dazu kommt der verletzte Fuß.

Trotzdem gelingt der Ausstieg, der Fallschirm öffnet sich, Blanka überlebt und bleibt schließlich hoch in einem Windrad hängen.

Warum kritisch: Jeder Einzelschritt ist denkbar. In der Kombination entsteht eine Kette mehrerer glücklicher Zufälle.

Lektoratsurteil: Stark thrillerhaft, aber bewusst als riskant dargestellt; deshalb eher extreme Plausibilität als echter Fehler.

↑ Übersicht

28. Blankas Kompetenzprofil wächst auffällig genau mit den Anforderungen des Plots 3/5

S. 43–45, S. 465–473, S. 611–616, S. 637

Befund: Für die verschiedenen Taten benötigt Blanka Fitness, Kletter- und Seilwissen, körperliche Belastbarkeit, den Umgang mit Schusswaffen, Täuschungsfähigkeit, Flugkenntnisse und Fallschirmtraining.

Viele dieser Fähigkeiten werden im Verlauf tatsächlich vorbereitet. Auffällig ist dennoch, wie vollständig ihr Profil am Ende nahezu jeden Spezialbedarf der Handlung abdeckt.

Lektoratsurteil: Kein Widerspruch, aber ein klassischer Plausibilitätsdruck: Die Figur wird zunehmend zur universell einsetzbaren Ausführenden.

↑ Übersicht

29. Eine „optimierende“ KI plant ausgerechnet eine auffällige Serienmörder-Signatur 4/5

S. 623, S. 637

Befund: PROMETHEUS soll Risiken analysieren, Szenarien simulieren und Tatabläufe optimieren. Gleichzeitig entstehen hoch symbolische Tötungen mit wiederkehrenden Motiven und auffälligen Inszenierungen.

Warum kritisch: Wenn das primäre Ziel darin besteht, die Täterinnen nicht zu entlarven, wäre eine Serie erkennbar verbundener, spektakulärer Taten gerade nicht die naheliegendste risikoarme Strategie. Sie erhöht mediale Aufmerksamkeit und lädt die Polizei zum Vergleich der Fälle ein.

Mögliche Erklärung: Die Täterinnen wollen nicht nur töten, sondern Vergeltung symbolisch ausdrücken. Dann optimiert die KI allerdings nicht auf maximale Unauffälligkeit, sondern auf ein von den Menschen vorgegebenes emotionales Ziel.

Lektoratsurteil: Der Roman sollte diese Zielhierarchie klarer machen.

↑ Übersicht

30. Das ursprüngliche Komplott gegen Patrick ist wirtschaftlich überraschend naiv 3/5

S. 400, S. 542–543

Befund: Mehrere erfahrene Manager und Geschäftspartner wollen Patrick beseitigen und anschließend wirtschaftlich von der Situation profitieren. Der Plan kollidiert jedoch mit Testament, Kontrollrechten, Verkaufsbeschränkungen und den Sicherheitsmechanismen rund um PROMETHEUS.

Warum auffällig: Bei einem Komplott um sehr hohe Vermögenswerte wäre gerade die Nachlass- und Governance-Struktur eine der ersten Fragen, die juristisch und wirtschaftlich geprüft würden.

Lektoratsurteil: Der Plan funktioniert als moralischer Verrat, weniger überzeugend als professionell vorbereitetes Milliardenkomplott.

↑ Übersicht

31. Ralfs Leiche fällt genau zum maximal publikumswirksamen Zeitpunkt aus dem Baum 3/5

S. 186, S. 273

Befund: Die Leiche hängt etwa zwei Wochen unentdeckt hoch in einem Baum und löst sich ausgerechnet während einer Veranstaltung mit Publikum, Presse und politischer Prominenz.

Warum auffällig: Wind, Verwesung, Materialspannung und Befestigung können selbstverständlich irgendwann zum Absturz führen. Dass dies exakt im dramaturgisch spektakulärsten Moment geschieht, ist jedoch außerordentlich günstig für den Plot.

Lektoratsurteil: Kein Logikfehler, aber klarer Thriller-Zufall.

↑ Übersicht

32. Pembas Rolle am Everest wird sprachlich nicht immer sauber getrennt 2–3/5

S. 390–391, S. 466–467, S. 525–527

Befund: In den präzisen Beschreibungen ist Pemba Sirdar, also leitender Sherpa, während David persönlicher Sherpa von Alice ist. In verkürzten Passagen klingt Pemba teilweise wie Patricks persönlicher Sherpa.

Warum auffällig: Im Alltag wäre diese Verkürzung unproblematisch. In diesem Roman ist die genaue Rollenverteilung am Gipfeltag jedoch kriminalistisch wichtig, weil sie erklärt, wer zu welchem Zeitpunkt bei wem war.

Lektoratsurteil: Kleine terminologische Unschärfe, keine echte Handlungslücke.

↑ Übersicht

33. 2017: Kameradrohne auf über 8.000 Metern mit verwertbarem TV-Bild 4/5

S. 517–518, S. 535

Befund: Wronkas Drohne liefert 2017 Aufnahmen nahe des Everest-Gipfels. Die Personen sind zunächst winzig, nach Vergrößerung ist aber die Stoßbewegung eindeutig genug, um den Mord zu erkennen.

Technische Einordnung: 4K-Kameras auf kleinen Drohnen waren 2017 real. Das außergewöhnliche Element ist die Höhe. Handelsübliche DJI-Systeme jener Generation waren offiziell für wesentlich geringere Einsatzhöhen ausgelegt. Reale Pionierflüge zeigen aber, dass modifizierte Mavic-Pro-Drohnen 2017 bereits 6.900 Meter und 2018 über 8.000 Meter erreichen konnten.

Damit ist die Szene nicht technisch unmöglich. Sie setzt aber Spezialwissen, angepasste Software bzw. Parameter, sehr günstige Windverhältnisse, Batteriemanagement bei extremer Kälte und einen Piloten voraus, der an der Grenze des damals Erprobten arbeitet.

Zusatzproblem Bildqualität: Eine Mavic jener Zeit hatte eine Weitwinkeloptik. Damit eine menschliche Stoßbewegung nach Vergrößerung überzeugend erkennbar ist, müsste die Drohne relativ nahe an den Personen gewesen sein – und damit selbst extrem hoch geflogen sein.

Lektoratsurteil: Kein Anachronismus, aber eine außergewöhnliche Pionierleistung, die im Roman wie gewöhnliche Dokumentarfilmtechnik behandelt wird.

↑ Übersicht

34. Die angeblich perfekt geplante Flucht ignoriert das CAPS-Rettungsfallschirmsystem der Cirrus 2/5

S. 607, S. 611, S. 617–618

Befund: Blanka plant, die Cirrus im Flug zu verlassen und Pia und Melchior im führerlosen Flugzeug abstürzen zu lassen. Nach ihrem Absprung erkennt Melchior jedoch, dass die Cirrus über das eingebaute Cirrus Airframe Parachute System (CAPS) verfügt, zieht den roten Griff und rettet beide Insassen.

Warum das die Glaubwürdigkeit strapaziert: CAPS ist kein verstecktes Sonderzubehör, sondern das prägende Sicherheitsmerkmal der Cirrus-Baureihe. Blanka wurde laut Roman von Patrick und Tobias häufig genau in dieser Maschine mitgenommen und beschäftigt sich inzwischen selbst mit dem Fliegen. Noch schwerer wiegt, dass PROMETHEUS laut Blanka Risiken, Szenarien und Wahrscheinlichkeiten des Plans berechnet hat. Dass weder Blanka noch die angeblich extrem gründliche KI das fest eingebaute Rettungssystem berücksichtigen, wirkt konstruiert, weil genau diese Unkenntnis für die Rettung der Geiseln benötigt wird.

Technischer Zusatz: Cirrus führt das Entfernen des CAPS-Sicherungsstifts im normalen Vorflug-/Startprozess auf. In der Romanszene dreht Blanka auf S. 611 praktisch direkt den Zündschlüssel; eine vollständige Vorflugkontrolle wird nicht gezeigt. Dass CAPS später tatsächlich auslösbar ist, setzt daher voraus, dass der Sicherungsstift bereits entfernt war oder Blanka diesen Schritt außerhalb der Erzählung erledigt hat.

Lektoratsurteil: Kein Widerspruch – Menschen übersehen Dinge, und Blanka ist keine ausgebildete Cirrus-Pilotin. Als Pointe gegen eine angeblich alles durchrechnende KI aber deutlich konstruiert. Daher bewusst nur 2/5: Glaubwürdigkeitsbelastung, kein harter Fehler.

↑ Übersicht

35. Blanka fliegt nach 17 Flugstunden eine deutlich komplexere Cirrus allein 2/5

S. 34 ↔ S. 607, S. 611–616

Befund: Auf S. 34 absolviert Blanka nach siebzehn Flugstunden gerade ihren allerersten Soloflug – in einer Cessna und lediglich als Platzrunde. Im Finale startet sie mit verletztem Knöchel eine Cirrus, fliegt sie ohne Fluglehrer, bedient die Avionik, schaltet den Autopiloten ein und verlässt das Flugzeug anschließend im Flug.

Warum das die Glaubwürdigkeit strapaziert: Die Cirrus ist leistungsstärker und in Bedienung, Avionik und Flugverhalten nicht einfach identisch mit dem Schulflugzeug. Cirrus bietet selbst für bereits lizenzierte Piloten eigenes Transition Training an, das ausdrücklich Flugzeugkontrolle, Avionik, Autopilot und Notverfahren umfasst.

Der Roman federt den Einwand teilweise ab: Blanka ist mit genau dieser Maschine oft mitgeflogen; Melchior fragt ausdrücklich, ob sie die Cirrus überhaupt selbst geflogen sei; der Text zeigt sie beim Start suchend, angespannt und nicht routiniert. Damit behauptet die Szene nicht, sie beherrsche das Flugzeug souverän.

Lektoratsurteil: Starten und eine Weile geradeaus fliegen sind nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Die Kombination aus 17 Stunden Gesamterfahrung, anderem Flugzeugtyp, Verletzung, Geiselnahme, Stress, Autopilotbedienung und geplantem Fallschirmausstieg ist jedoch sehr ambitioniert. Als 2/5 gut aufgehoben.

↑ Übersicht

36. Pembas fingierter Tod verlangt einen extrem unwahrscheinlichen Abstieg vom Everest 2/5

S. 391–392; spätere Auflösung u. a. S. 526–527

Befund: Nach Patricks Sturz verschwindet Pemba scheinbar auf der anderen Seite des Grates. Sein GPS wird unterhalb der Lhotse-Flanke geortet, während Klettergurt und zerbrochene Sauerstoffmaske später deutlich höher gefunden werden. Tatsächlich überlebt er und verlässt den Berg unentdeckt.

Warum das die Glaubwürdigkeit strapaziert: Die Südroute ist oberhalb der Lager in entscheidenden Passagen durch Fixseile geprägt. Wer den eigenen Klettergurt tatsächlich zurücklässt, verzichtet auf die übliche Sicherungsmöglichkeit an diesen Seilen. Gleichzeitig verschlechtert sich das Wetter dramatisch. Zusätzlich müsste Pemba den weiteren Weg an den Hochlagern, durch den unteren Berg und schließlich aus dem Basislager heraus bewältigen, obwohl er als langjähriger Sirdar von praktisch allen Beteiligten gekannt wird.

Was gegen einen harten Fehler spricht: Der Roman sagt nicht lückenlos, zu welchem exakten Zeitpunkt Pemba welches Ausrüstungsteil ablegt, ob er Ersatzmaterial benutzt oder welchen konkreten Weg er danach nimmt. Als außergewöhnlich erfahrener Sherpa kann er außerdem deutlich leistungsfähiger sein als ein durchschnittlicher Bergsteiger. Das schlechte Wetter und das allgemeine Chaos nach mehreren Todesfällen könnten ihm Deckung verschaffen.

Lektoratsurteil: Keine beweisbare Unmöglichkeit, aber die Geschichte überspringt genau den logistisch schwierigsten Teil seines fingierten Todes. Als 2/5-Plausibilitätsproblem sinnvoll.

Technische Quellen

Die technischen Einschätzungen sind vom Romantext getrennt und dienen nur der Plausibilitätsprüfung.

  • Cirrus Aircraft – SR Series: CAPS ist bei den zertifizierten Cirrus-Modellen Standardausstattung. cirrusaircraft.com
  • Cirrus Owner's Guide: Im veröffentlichten Vorflug-/Startablauf wird das Entfernen des CAPS-Sicherungsstifts ausdrücklich aufgeführt. SR Owner's Guide (PDF)
  • Cirrus Flight Training: Transition Training behandelt u. a. Flugzeugkontrolle, Avionik, Autopilot sowie Not- und Abnormalsituationen. Cirrus Flight Training
  • DJI Mavic Pro: zeitgenössische 4K-Drohnentechnik. DJI Mavic Pro
  • Hochgebirgs-Drohnenflug: Bartek Bargiel berichtete über Mavic-Pro-Flüge auf 6.900 m im Jahr 2017 und 8.400 m im Jahr 2018. Interview